Die Sache mit der Angst

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Diese Woche hatte ich meine Prüfung für den Motorradführerschein. Irgendwann während der Reisevorbereitungen in den letzten Monaten setzte sich ein kleiner Floh in mein Ohr, der mir flüsterte, ich könnte in Nordamerika den berühmten Highway 1 von Los Angeles nach San Francisco mit dem Bike zurücklegen. Der Gedanke ließ mir keine Ruhe. Und dann kam das Angebot, für die „Weißblauen Geschichten“ zu drehen. Mehrere Drehtage, deren Gage nicht in meinem Reisebudget einkalkuliert waren: Das war mein Motorradführerschein!

Ich habe in den letzten Wochen und Monaten immer wieder von unterschiedlichen Menschen gehört: „Bella, wie toll! Du machst eine Weltreise ganz allein. Das ist so mutig von dir!“. Das stimmt nicht. Ich habe als Kind schon losgeheult, wenn mein Vater mich nur in eine Schiffschaukel gesetzt hat – ohne anzuschieben! Und heute – als großes Mädchen – bin ich nicht mehr ängstlich, aber ich bin auch nicht furchtlos. Ich habe Angst, dass mich meine Reiseroute überfordert, dass mein Budget nicht reicht, dass ich mich doch leichtsinnig verhalte und mich in eine riskante Situation bringe. Und dann, noch viel abstrakter: Ich habe Angst, den Erwartungen anderer nicht gerecht zu werden, nicht schönschlankklugwitzig genug zu sein, nicht gut genug zu sein, nicht geliebt zu werden (alte Schauspielerkrankheit!).

Angst ist etwas sehr Ursprüngliches, das schon unsere Vorfahren von tausenden von Jahren verspürten. Es löste in brenzligen Situationen ein tief sitzendes, instinktives Verhalten aus, das meist unser Leben retten sollte. Heute, wo wir nicht mehr mit Säbelzahntigern kämpfen müssen – außer denen in unserem eigenen Kopf – breitet sich diese Angst total irrational auf unser gesamtes Leben aus. Heute geht es nicht mehr ums nackte Überleben, lediglich um das Überleben in einer konstruierten Gesellschaft. Wir können diese Angst oft nicht einmal benennen, sie ist nur ein diffuses Gefühl.

Meine erste Motorradstunde also Ende August. Ich sitze mutterseelenallein auf einem 225 Kilo schweren Motorrad und soll enge Wendungen machen, Slalom in Schrittgeschwindigkeit und mit 30 km/h fahren. Auf 50 km/h beschleunigen und einem Hindernis in Form eines Hütchens ausweichen, das Motorrad bei Schrittgeschwindigkeit in die Kurve drücken und ganz enge Kreise fahren. Dreimal fällt mir die Maschine an diesem Tag um. Und da ist sie wieder, die liebe Angst. Von meinen Stiefeln kriecht sie langsam an den Beinen hoch und setzt sich wie ein wütendes Hornissennest in meinem Bauch fest. Tief atmen!

Ich habe irgendwann einfach beschlossen, dieser Angst keine Kontrolle über mein Leben zu geben. Motorradfahren ist gefährlich, aber wenn ich es nicht versuche, werde ich auch nie dieses wunderbare Gefühl von Freiheit erleben, wenn mir der Fahrtwind um die Nase weht. In Südamerika kann ich ausgeraubt werden, aber wenn ich mich von dieser Angst beherrschen lasse, werde ich nie dieses wunderbare Land entdecken.  Ich höre also genau zu, was mein Fahrlehrer mir über Funk sagt, ich vertraue ihm und vor allem vertraue ich mir selbst. Ich weiß, dass ich es kann!

Die Fahrprüfung habe ich bestanden. Viel wichtiger ist aber, was mir durch meine Fahrstunden wieder klar geworden ist: Es funktioniert nur, wenn ich mich nicht von meiner Angst lähmen lasse! Nur dann kann ich meine Fähigkeiten voll entfalten. Auf meine Intuition hören. Und es gibt ehrlich kein schöneres Gefühl, als der Angst einen Arschtritt zu verpassen und zu sehen, dass etwas funktioniert.

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