Am Morgen des dritten Tages breche ich Richtung Volcano Nationalpark auf. Ich will unbedingt einen aktiven Vulkan sehen – und wo könnte ich das besser als auf Hawai’i. Hier befindet sich der größte aktive Vulkan der Erde, der Mauna Loa. 4139 Meter ragt er über dem Meeresspiegel auf. Zählt man die 5000 Meter dazu, die unter der Meeresoberfläche liegen, ist der Mauna Loa sogar der höchste Berg der Welt. Schon der Weg zum Nationalpark ist atemberaubend. An der Küste schlängelt sich hoch über dem Meer der Highway 11. Wenige Meilen von Kona entfernt fängt die Landschaft schlagartig an, sich zu verändern. Statt sattem Grün plötzlich tiefschwarze Lavafelsen. Getrocknete Lavaströme, die bis zum Meer hinunterlaufen und sich mit blühender Vegetation abwechseln. Lavaerde ist besonders fruchtbar, die Natur kann hier üppig gedeihen. Ich brauche lange, bis ich die 90 Meilen zum Nationalpark zurückgelegt habe. Ständig muss ich stehenbleiben und das Panorama in mich aufsaugen oder auf Lavafelsen herumklettern.

Am Nachmittag erreiche ich schließlich den Mauna Loa und fahre bis zum Jagger Museum, das am nächsten an den Halema’uma’u-Krater heranreicht. Das Areal direkt um den Krater ist abgesperrt, da die austretenden Schwefelgase hochgiftig sind. Am Jagger Museum kommt man aber immerhin bis auf wenige Kilometer an den Krater mit seinem leuchtenden Inneren heran. Was tagsüber wenig spektakulär aussieht, sollte sich nachts als Wunder entpuppen. Ich warte auf die Dunkelheit und schlafe in meinem Auto ein. Als ich wieder aufwache ist es Nacht. Kein Ranger taucht auf und versprengt mich von meinem Aussichtsposten. Ich kann in aller Stille und ohne Besucherstrom das Spektakel genießen. Die Wolken geben den strahlenden Vollmond frei, der den Krater in gespenstisches Licht hüllt. In seinem Inneren leuchtet der Lavasee tiefrot in den Himmel.

Unglaublich, dass sich hier eine Wunde der Erde auftut, durch die man bis in ihr Innerstes gelangen kann. Immer wieder hört man es tief im Krater grollen. Ich kann mir nur ansatzweise vorstellen, wie sehr die Erde beben muss, wenn Feuergöttin Pelé, die der Sage nach im Krater Halema’uma’u wohnt, wieder Feuer auf die Insel spuckt. Was sie jederzeit tun kann – das ist der Nervenkitzel an einer Nacht mit Pelé. Wenn die aufbrausende Göttin ihren einsamen Gast fressen möchte, wird sie das tun. Gefressen werde ich in dieser Nacht nicht, doch Pelé sucht mich mit wilden Träumen heim. Und wann immer ich von einem lebhaften Traum erwache, sehe ich das Glühen des Mauna Loa vor mir – wie ein Mahnmal für die gewaltige Kraft der Erde.

 

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