Neon bringt mich zum Bahnsteig und kauft ein Zugticket für umgerechnet 15 Cent. Brüderlich ermahnt er mich, kein Essen oder Trinken von Fremden anzunehmen und winkt zum Abschied, als der Bummelzug in Zeitlupe zu rollen beginnt. Meine Mitreisenden beobachten die weiße Passagierin mit dem blonden Haar neugierig und lächeln scheu, wenn mein Blick den ihren trifft.

Die Circle Line fährt einen großen Bogen rund um Yangon und sammelt Bauern, Händler und Mönche aus den kleinen Dörfern ein, um sie in die Hauptstadt Myanmars zu bringen. Der Zug ist gut gefüllt. Männer in Longys, den traditionell burmesischen Röcken. Frauen in gelben, grünen, roten Kleidern. Kleine Kindern auf dem Schoß und weißes Thanaka auf den Wangen, das die Haut vor der Sonne schützt. Zerbrechlich wirkende alte Frauen sitzen im Schneidersitz auf dem Boden. Jahrzehnte alte Ventilatoren rotieren tapfer gegen die drückende Schwüle.

Autos weichen hölzernen Karren, Hochhäuser einfachen Holzhütten, eher Holzverschlägen, die sich an den Rand der Zuggleise drängen. Dazwischen tauchen die goldenen Kuppeln reich geschmückter Pagodas und Stupas auf. Ein surreales Gemälde. Unter Haltestellenschildern in burmesischer Schrift warten drahtige Mönche geduldig auf ihren Zug. Daneben verkaufen Händler rohes Fleisch und Fisch, der in der prallen Sonne glänzt. Die offenen Fenster tragen Verwesungsgeruch herein. Kinder spielen barfuß Fußball auf den Schienen und winken fröhlich. Alles Leben spielt sich hier ab.

Der nächste Halt spült eine ganze Horde Händler ins Wagoninnere. Große Säcke mit Gemüse, Kräutern und Früchten werden durch die schmalen Türen gehievt. Die Luft ist erfüllt von Safran und Gelächter. Emsige Betriebsamkeit, wohin das Auge reicht. Kleine Messer werden hin- und hergereicht, um die Grünen Stauden zu zerteilen und sie in kleine Bündel zu binden.

Frauen mit großen Tablets auf dem Kopf verkaufen Tofu mit Koriander und grüne Mango mit Chilipulver. Ich blicke in wettergegerbte, glückliche Gesichter, die mich zahnlos anlächeln. Draußen vor den Fenstern verschwindet das Gras unter Müll, Müll, unendlich viel Müll. Streunende Hunde stecken ihre Schnauzen in Plastiktüten mit Essensresten und knurren gegen ihre Konkurrenten an. Staub legt sich auf ihr verlaustes, stumpfes Fell.

Ein schmutziger kleiner Fluß taucht neben den Gleisen auf. Frauen waschen Kleider, Kinder planschen und verrichten ihr Geschäft im braunen Wasser. Im Hintergrund wachsen die Häuser wieder, der kleine braune Fluß verschwindet und ich steige drei Stunden später aus dem Bummelzug. Taumelnd von den Eindrücken meiner Zugfahrt aufs Land.

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