Ruhe in Frieden

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Das klapprige Mountainbike quietscht und ächzt bei jedem Tritt, die Fahrradkette dreht sich unter lautem Protest und die Reifen sind auch nicht mehr die Jüngsten. Das Fahrrad habe ich in dem kleinen Dörfchen Montezuma ausgeliehen und bin fest entschlossen, es heute Nachmittag unversehrt wieder zurückzubringen. Mit meinem letzten Rad hatte ich nicht soviel Glück, das wurde mir trotz Schloss, Hecke als Versteck und abgeschiedener Urwaldstraße sozusagen unter meinem Hintern weggeklaut. Heute bin ich aber ganz optimistisch. Über Stock und Stein geht es die staubige Küstenstraße am Pazifik entlang. Die Landschaft ist atemberaubend schön. Diese Seite Costa Ricas ist trockener und wilder als der saftige Regenwald auf der Karibikseite. Schwarze Felsen trotzen den schaumigen Wellen, knorrige Äste krümmen sich unter der sengenden Hitze wie bucklige, kleine Großmütterchen.

Jedes vorbeifahrende Auto hüllt mich in eine grandiose Staubwolke, die sich gemeinsam mit dem Schweiß, der mir in Bächen hinunterläuft, auf mein Gesicht, meine Arme und Beine legt. Ich sehe aus, wie ein wilder Krieger. Und genauso fühle ich mich auch: Wild und frei und unbesiegbar. Und zum Platzen glücklich. „Der Alchemist“ ist bei meinem kleinen Ausflug mit von der Partie. Er hat mir ein paar Geheimnisse verraten, die ich längst vergessen habe. Oder zur Seite geschoben habe, weil mir andere Dinge wichtiger, klüger oder erstrebenswerter erschienen. Jetzt spricht mein Herz laut und deutlich mit mir. Und ich genieße den Moment: Mit schmutzigem Gesicht auf einem klapprigen Fahrrad und einer staubigen Landstraße im Nirgendwo.

Ich erreiche mein Ziel: Der einsame Strand von Cabuya. Nicht so schön, wie die meisten Strände Costa Ricas, mit ihrem feinen weißen Sand und saftig grünen Palmen. Aber auf eine eigenwillige Art faszinierend. Und sehr, sehr einsam. Ich nehme ein Bad in den grauen Wellen und lege mich zwischen kleinen Kieselsteinen auf den Rücken. Hoch in den Bäumen versammeln sich große Reiher zu einer Art Versammlung, die nur Vögel verstehen. Ab und zu fliegt einer auf und lässt sich auf einem anderen Ast nieder. Kleine Krebse krabbeln über winzige Sanddünen und verstecken sich in ihren dunklen Schalen, sobald ich mich bewege. Ich schlafe über meinen Beobachtungen ein.

Als ich wieder aufwache, ist das Meer verschwunden. Die Ebbe lässt Fischerboote auf großen Felsplatten zurück. Und die kleine Insel vor der Küste ist jetzt zu Fuß erreichbar. Ich marschiere los. Ein weißes Tor, flankiert von Palmen, die sich unter grauen Wolken im Wind biegen, ist der Eingang zur Insel. Eine Friedhofsinsel. Kleine weiße Kreuze stehen in Reih und Glied, geflieste Gräber erheben sich über den Sand. Ich habe nicht vor, mich begraben zu lassen, aber wenn, dann wäre dies der idyllischste Ort, um in Frieden zu ruhen. Das Gleiche muss sich wohl ein alter Leguan gedacht haben, der zum Sterben auf die Insel gekommen ist und dessen Skelett ich nun auf dem Boden entdecke.

Ganz besondere Eindrücke nehme ich von diesem kleinen Ausflug mit. Und selbst als mein Fahrrad auf dem Heimweg beginnt, sich in seine Einzelteile aufzulösen, ich irgendwann den Bremsschlauch in der Hand halte und von da an nur noch schieben kann, bin ich glücklich. Immerhin kann ich das Rad beinahe unversehrt zurückgeben :)

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