Ich mache mal wieder eine FreeWalk Tour. Wie schon in Buenos Aires ist der Guide kompetent, sehr unterhaltsam und spricht super englisch. Zum Totlachen finde ich die gewiefte Idee der Chilenen mit dem Café con pierdas (Café mit Beinen). Weil der Kaffee in Chile nicht besonders gut schmeckt und es eigentlich auch keine richtige Kaffeekultur gibt, kam irgendwann jemand auf die glorreiche Idee, Damen in sehr sehr knappen Minikleidern als Kellnerinnen anzustellen, um Gäste in die Cafés zu locken. Und es funktioniert 1A!

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Wer jetzt glaubt, das ist total die Macho-Attitüde der Chilenen, täuscht sich aber. Weibliche Gäste werden in diesen Cafés noch besser behandelt als Männer und bekommen immer etwas gratis. Überhaupt haben Frauen einen hohen Stellenwert in Chile. Viele der chilenischen Bürgermeister sind Frauen. Bei den Mapuches (den Ureinwohnern Südamerikas) haben schon seit hunderten von Jahren Frauen das Sagen und managen alles, vom Haushalt über die Kindererziehung bis zum Ablauf des Dorflebens und sogar den Häuserbau. Die einzige Aufgabe der Männer besteht darin, die Frauen zu beschützen :)

imageWas mir besonders gut gefällt: Die Stadt tut etwas für den Tierschutz. Seit einem Jahr stehen hohen Geldstrafen auf Misshandlungen von Tieren. Die Straßenhunde sind quietschfidel und wohlgenährt. Viele Bürger kümmern sich gemeinsam um diese Hunde und spenden Geld an die Tierärzte, damit sie versorgt werden. Ein Hund hat uns fast die gesamte Tour lang begleitet und konnte erfolgreich ein Würstchen klauen, das einer Touristin am Hot Dog Stand blöderweise aus dem Brötchen gefallen ist. Ich hatte mich auf das Schlimmste eingestellt, was Tierhaltung in Südamerika betrifft und war sowohl in Argentinien als auch Chile positiv überrascht.

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Für manche ist Chile nicht das verheißene Land. Am Nachmittag treffe ich gemeinsam mit Abel den Straßenkünstler Panic. Er wurde in Chile geboren, lebt aber seit über 20 Jahren in Los Angeles, mit seiner Frau und seinen beiden Kindern. Er stellte nie einen offiziellen Antrag auf Immigration und hat daher nicht die amerikanische Staatsbürgerschaft. Als er das vor zwei Jahren nachholen wollte, wurde sein Antrag abgelehnt. Der Grund: Wegen seiner Vergangenheit als Graffiti-Künstler hatte er Vorstrafen aus seiner Teenagerzeit, die in den USA nie verjähren. Er wurde aus Nordamerika ausgewiesen und lebt seither mit seiner Familie in seinem Heimatland, das ihm fremd geworden ist. Amerika hat außerdem eine Sperre von 10 Jahren verhängt, Panic kann also frühestens in acht Jahren einen neuen Antrag auf Immigration stellen. Er unterrichtet Englisch in Santiago und arbeitet weiterhin als Straßenkünstler. Die Kinder sprechen kein Spanisch und werden im Kindergarten und in der Schule ausgegrenzt. Für die Familie ist die Zeit sehr hart. Die Ironie ist: Hätte Panic nicht den offiziellen Antrag gestellt und weiterhin mit der chilenischen Staatsbürgerschaft in Los Angeles gelebt, wäre der Familie das nie passiert. Er wollte einfach nur das Richtige tun.

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Heute verlasse ich Santiago und fahre zwei Stunden weiter westlich nach Valparaiso, einem kleinen Badeort am Meer. Hier treffe ich Tom, meinen Host. Ich probier jetzt das erste Mal Couchsurfing. Mal sehen, ob es mir gefällt und ob ich im Vergleich zum Hostelleben ein bisschen mehr Ruhe habe.

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