Tage in Yangon

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Endlich wieder Dreck und Lärm, kaputte Gehsteige, Straßenstände und fremde Gerüche. Als ich in Myanmar ins Taxi Richtung Zentrum der Hauptstadt Yangon steige, kommt mir vieles vertraut vor: übervolle, alte Busse, Staub auf der Haut, Schweiß auf der Stirn, lärmendes Hupen im Ohr. Nach meinen Trips durch die USA und Kanada habe mich so sehr nach dem abenteuerlichen Reisen in exotische Länder zurückgesehnt. Vor allem habe ich mich danach gesehnt einzutauchen in dieses mysteriöse Myanmar, das immer noch relativ unberührt vom Tourismus ist.

Die ersten Stunden im neuen Land sind eine echte Herausforderung. Temperaturen um die vierzig Grad, kaum jemand spricht englisch oder mit absolut unverständlichem Akzent. Ich bin eine der wenigen westliche Touristen in der Stadt und werde neugierig begutachtet. Am Straßenstand frage ich nach vegetarischem Essen und blicke in freundlich lächelnde, verständnislose Gesichter. Also zeige ich einfach auf verschiedene Gerichte, die irgendwie nach Gemüse aussehen. Das ist natürlich wie russisch Roulette spielen!

Das erste Schälchen entpuppt sich als Mischmasch aus kleinen Fleischbrocken, von denen ich weder wissen möchte, von welchem Tier, noch von welchem Körperteil eines Tieres sie stammen. Das zweite Schälchen, das zunächst nach Aubergine in öliger Tomatensauce aussieht, enthält sehr weichen, fast breiigen Fisch. Ich hadere mit mir, ob ich das gut oder richtig eklig finden soll. Weniger toll finde ich auf jeden Fall die Millionen riesiger Gräten in dem kleinen Fisch. Nach ein paar Bissen übermannt mich dann doch die instinktive Angst, eines der nähnadelgroßen Dinger zu verschlucken und auf dem staubigen Boden zwischen Abflüssen und Menschenspucke elendig zu ersticken. Ich widme mich dem nächsten Überraschungsei. Schale Nummer drei enthält dann doch das erhoffte Gemüse. Leider schmecken die algenartigen Fäden so dermaßen nach Kuhmist, dass ich es nicht schaffe, mehr von dem – wahrscheinlich ungeheuer gesunden – Grünzeug zu kosten. Ich begnüge mich lieber mit dem Reis. Willkommen auf dem kulinarischen Abenteuerspielplatz Myanmar.

Meine nächste Mission lautet: Taxi finden! Yangon ist riesig, die meisten Attraktionen der Stadt sind aber mit sehr günstigen Taxifahrten erreichbar. Es gibt Hunderte Taxis in der Stadt. Aber sie sind entweder voll oder der Fahrer erklärt mir auf burmesisch, dass er mich nicht mitnehmen kann. Und dann habe ich riesiges Glück: Ich lande im Auto von Neon, oder Aung Zaw Win, wie sein richtiger Name lautet. Neon spricht gut englisch, wobei ich eine Weile brauche, um mich an den Akzent zu gewöhnen.

Er ist in meinem Alter, er hat das wunderbar sanfte Wesen, dass ich bei vielen Burmesen im Land erleben werde, er ist aufgeschlossen und intelligent. Neben Englisch lernt mein neuer Freund Deutsch und er spricht es ziemlich gut – auch wenn er das vehement abstreitet. Neon wird mein Guide für die kommenden drei Tage und ich lerne durch ihn ein ganz besonderes Yangon kennen. Er zeigt mir die Hauptattraktionen der Stadt: Die prachtvolle Tempelanlage Shwedagon Paya, die 72-Meter-lange Buddha-Statue im Chaukhtatgyi Paya oder den Kandawgyi-See bei Sonnenuntergang. Im Shwedagon Paya schütte ich 33 Wassergläser über die Buddha-Statue der Mittwoch-Geborenen, ein Glas für jedes Jahr meines Lebens plus eines für die Zeit, die ich im Bauch meiner Mutter verbracht habe. Dieses Ritual soll mich segnen und mir Glück bringen. Für jeden Wochentag gibt es einen kleinen Altar und ein Tier, das für diesen Geburtstag steht. Mein Tier ist der Elefant.

Das Gold und die edlen Kristalle der riesigen Tempelanlage glühen in der Nachmittagshitze. In den vielen Tempeln beten die Menschen zusammen mit buddhistischen Mönchen, kleine Mädchen mit kahlrasierten Köpfen in rosafarbenen Nonnengewändern schlafen im Schatten der Bäume und Tempel. Das Rasieren des Kopfes dient übrigens dazu, die Zeit der körperlichen Pflege zu reduzieren und die Konzentration auf Meditation und die religiösen Pflichten eines Mönchs oder einer Nonne zu lenken. Für mich absolut nachvollziehbar, wenn ich daran denke, wieviel Zeit es mich kostet, meine langen Haare zu pflegen.

Neon, der sich seinen Spitznamen selbst verpasst hat, weil er wie ein Neonlicht nachts aktiv ist (und das ist kein Wunder bei den Temperaturen), erzählt mir viel über die burmesische Kultur, den Buddhismus und seine wichtige Bedeutung im alltäglichen Leben. Die Menschen glauben an Karma und an Reinkarnation. Wenn ein Mensch zum Beispiel äußerlich entstellt ist, gehen die Burmesen davon aus, dass er in seinem Vorleben etwas Schlimmes getan hat und in diesem Leben die Konsequenzen tragen muss. Mit good deeds, guten Taten, wollen die Buddhisten gutes Karma schaffen. Viele Menschen sind religiös und besuchen regelmäßig die vielen Tempel im ganzen Land. Sie beten, zünden Kerzen und Räucherstäbchen vor den Altären an und spenden. Das müssen nicht unbedingt Geldspenden sein. Wer arm ist, kann auch zum Beispiel mit einem Lächeln, das er einem anderen Menschen schenkt, etwas für sein Karma tun.

Gemeinsam mit Neon darf ich auch das ärmliche Leben der Burmesen, abseits der goldenen Tempel, erleben. Auf der anderen Seite des Yangonflusses, in Dalat, wohnen die Menschen in kleinen Holzhütten am Rand staubiger Straßen, zwischen Müllbergen, Hühnern und Ziegen. Kostbares, trinkbares Wasser bekommen sie aus den umliegenden Klöstern oder schöpfen es aus einem halbwegs sauberen kleinen See. Aber ehrlich: Kein Europäer würde in diesen See auch nur einen Zeh stecken, aus dem die Burmesen trinken. Und trotz dieser erschütternden Armut begegnen mir die Menschen mit offenen Herzen. Und: Sie wirken sehr glücklich. Ich bin tief berührt von diesem armen und doch so reichen Land Myanmar.

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